12. Sonntag im Jahreskreis, 23. Juni 2019

Zur 2. Lesung Gal 3,26-29
und als Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion ein Zwischenruf

von P. Martin Werlen OSB (von 2001-2013 Abt der Klöster Einsiedeln und Fahr),
erschienen in Bibel und Kirche 2/2019, Katholisches Bibelwerk Stuttgart

Unerhört!

Eine unerhörte Bitte kann eine Bitte sein, die von Gott nicht erhört wird. Sie kann aber auch eine skandalöse Bitte sein. Beide Bedeutungen finden wir in der Heiligen Schrift. An einer Stelle sind sie sogar in derselben Situation da: Zwei Jünger erbitten einen besonderen Platz im Himmel (Mk10,41). Jesus weist diese Bitte zurück. Sie bleibt einen unerhörte Bitte.

Es gibt auch heute unerhörte Bitten – mit beiden Bedeutungen: zum Beispiel die Bitte, Gott möge viele junge Menschen zum Priestertum berufen. Sie bleibt in vielen Regionen der Welt offensichtlich unerhört. Es ist aber auch eine skandalöse Bitte. Es könnte ja passieren, dass plötzlich junge Frauen kommen und behaupten, sie würden den Ruf Gottes zum Priestertum vernehmen. Also die Bitte so formulieren, dass es für Gott klar ist, wen er berufen darf! Unerhört darf sie auf jeden Fall nicht bleiben.

Eine weitere unerhörte Bitte mit beiden Bedeutungen: Jesus richtet sie an alle, die ihm nachfolgen. […] Sie steht übrigens im Zusammenhang mit der unerhörten Bitte nach Ehrenplätzen. Jesus stellt das Machtgehabe dieser Welt dar und bittet eindringlich: „Bei euch aber soll es nicht so sein“(Mk10, 43). […]

Vorstöße, dieser Bitte Jesu als Kirche zu entsprechen, werden abgewiesen […]. Dabei geht es um Jesu eindringliche und klare Bitte. Da wäre Entweltlichung wahrhaft angebracht […].

Viele drängende Fragen können angegangen werden, wenn wir uns vom gewohnten Machtgefüge verabschieden und uns am Evangelium orientieren. Das bewegt unsere Herzen, aber auch die Strukturen. Die synodale Dimension, die wesentlich zur Tradition der Kirche gehört, wurde über Jahrhunderte – wegen der Machtfrage – außer Acht gelassen. […] Papst Franziskus muss zugeben, dass die Frau als zweitklassig angesehen wird. Dafür trägt leider auch die Kirche große Verantwortung. Wenn wir unsere Berufung als Getaufte tatsächlich leben würden, könnten wir in allen Kulturen zur Wahrung der gleichen Würde beitragen – früher und heute. Der heilige Paulus bringt die umwerfende Kraft der Taufe unübertrefflich auf den Punkt: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,27-28).

Herzliche Sonntagsgrüße
Josef Nüttgens, Pfr. i. R.


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