9. Sonntag im Jahreskreis, 29. Mai 2016


Nicht würdig?
zu Lk 7, 1-10

Es ist eine zutiefst christliche Überzeugung, jeder Mensch hat, unabhängig von Lebenssituation, Geschlecht, Alter oder Religionszugehörigkeit, eine unhinterfragbare Würde.

Diese Überzeugung verdankt sich wesentlich der biblischen Lehre von der Gottesbildlichkeit des Menschen und dem Glauben an die Menschwerdung. (Gott hat den Menschen gewürdigt in Jesus einer von uns zu werden.)

„Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert durch die Menschwerdung deines Sohnes.“
(Oration an Weihnachten)

Umso mehr mag einer, wenn er in der Messfeier sagen soll: „Herr, ich bin nicht würdig, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, irritiert sein. Also doch erst Selbstabwertung? Der Glaube an Gott ein Unterwerfungsverhältnis? Dabei handelt es sich um ein biblisches Zitat (Lk 7, 6-7).

 
Ein bekannter Liturgieprofessor erzählt: als er einer schwerkranken Frau die heilige Kommunion bringt, sagt diese – wohl einer inneren Eingebung folgend – „Herr, ich bin bedürftig, aber sprich nur ein Wort …“ Ein einziges Wort, neu gesagt und kreativ übersetzt, bringt es auf den Punkt. Nie kann es um Unterwerfung oder Entwürdigung vor jenem Gott geben, der den Menschen würdigt, sein Partner/seine Partnerin zu sein. Aber Bedürftigkeit ist die Sprache des Vertrauens und der Liebe. Es ist der Mut, sich gegenüber dem anderen verwundbar, offen und empfänglich zu zeigen. Nicht unwürdig ist der Mensch, ganz im Gegenteil: einmalig gewürdigt – der göttlichen Zuwendung und Liebe, und die werden konkret zwischen den Menschen. Es macht die Größe des Menschen aus, Gottes zu bedürfen und sich – in Freiheit, wie denn sonst – an ihn zu binden. Ist es nicht das Wesen der Liebe einander – in Freiheit – zu bedürfen, besser: bedürfen zu wollen?

(nach Gotthard Fuchs in der Wochenzeitung „Christ in der Gegenwart“)

Herzliche Sonntagsgrüße
Josef Nüttgens, Pfr. im R.

Lied des Monats Mai

GL 853
„O Maria, sei gegrüßt, uns zum Trost gegeben“