Predigt zum zum 12. Sonntag im JK. B – 21. Juni 2015

Verabschiedung als Pfarrer in Kaiserswerth

„EIN SCHIFF, DAS SICH GEMEINDE NENNT“ –
Glauben zwischen Angst und Gottvertrauen.

Text: Mk 4, 35-41

1. Das uns allen von der Kirche heute vorgegebene Sonntagsevangelium hat es in sich – und soll die Vorgabe für mein Abschiedswort an alle sein.

  • Denn in dieser Seesturm-Geschichte geht es ja nicht allein um das Schifflein Petri damals im Sturm auf dem See Genezareth, sondern auch um unser Kirchen-Schiff heute, „das sich Gemeinde nennt“ – und von dem wir eben im bekannten Jugendlied hörten: „Es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr. Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg – so fährt es Jahr um Jahr. Und immer wieder fragt man sich: Wird denn das Schiff bestehn?“ Die Frage nach dem Bild der Kirche heute im Schiffbruch unserer Zeit – die treibt uns derzeit ganz neu um: Wer von uns dächte da nicht an all die schiffbrüchigen Flüchtlinge, Christen wie Muslime, die aus dem Vorderen Orient oder Nordafrika auf dem Weg zu uns im Mittelmeer zu Tausenden ertrinken: Ihr Schiffbruch entwickelt sich am Ende noch zum geistlichen Schiffbruch unserer Kirchen in Europa: Nehmen wir deren Tragödie überhaupt schon als eigene Herausforderung als Christen in Europa wahr? Wie sollen wir damit am Ende vor Gott bestehen?
  • Die Seesturm-Geschichte im heutigen Evangelium ist gleichermaßen eine Angst- und Vertrauens-Geschichte, bei der Jesus mit seinen Jüngern in einem und dem gleichen Boot sitzt.So wie der Sturm losbricht, bricht auch die nackte Angst aus: Die Wellen schlagen in das Boot, das sich bereits mit Wasser zu füllen beginnt; die Jünger rackern sich in ihrer Seenot ab, das Wasser steigt und mit dem Wasser steigt die Angst, auf offener See gemeinsam zu versinken. Nur einer hat im Boot die Ruhe weg und hat mit alldem anscheinend nichts im Sinn: Jesus liegt hinten im Boot auf einem Kissen und schläft – er schläft mitten im drohenden Untergang mit ruhigem Gewissen auf einem sanften Ruhekissen wie ein Kind, das von einer Gefahr nichts weiß und keine Todesängste kennt, weil es sich in den Armen seiner Mutter rundum geborgen fühlt. Die Jünger rütteln Jesus wach und schreien ihn an: „Meister, kümmert es dich denn gar nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Da steht er seelenruhig auf, fährt Wind und Wetter mit seinem Machtwort an und befiehlt dem See: „Sei still und schweig!“ – und es kehrt im Handumdrehen Ruhe ein. Sein Schlusswort an die verängstigten Jünger bei ihm im Boot: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?“

2. Und wir? Wer von uns will es den Jüngern verdenken, dass sie in ihrer Todesangst laut aufschreien und es nicht länger ertragen, in ihrer Lebensangst den Meister seelenruhig schlafen zu sehen?

  • Hier stoßen plötzlich im gleichen Boot, auch in unserem Kirchenschiff, zwei grundverschiedene Welten oder Daseinsweisen aufeinander, die miteinander und auf Anhieb kaum versöhnlich scheinen: Da ist auf der einen Seite die existentielle Urangst der Jünger, unsere Angst, in den Stürmen des Lebens rettungslos unterzugehen, und auf der anderen Seite ein urtümlich kindliches Gottvertrauen, das wir in Jesus finden, der sich auch noch im drohenden Untergang ganz in Gott geborgen und ähnlich wie ein Kind auf dem Schoss der Mutter bestens aufgehoben weiß.
  • Bei Jesus entdecken wir in der Seenot-Geschichte das einzig wirksame Heilmittel gegen jede Art von Panik oder Angst: das Urvertrauen – letztlich Gottvertrauen, dass sich gerade auch im Fall der Not und noch in Todes-Ängsten von Gott gehalten und in Gott geborgen weiß. Wo Eltern heute ihren Kindern solch ein Gott-Vertrauen glaubwürdig vorleben und vermitteln können, geben sie ihnen das wichtigste Start-Kapital für das ganze Leben mit: Mit Gott in einem Boot, im Schiff der Kirche, sind wir auch im Seesturm wie in Todesnöten unbezwinglich stark! – Freilich auch als Glaubende tragen wir diesen Schatz des Gottvertrauens immer nur „in zerbrechlichen Gefäßen“, wie es schon der Apostel offen von sich selbst bekennt: Auch ihm wird immer wieder angst und bange, doch verzagt er nicht und lässt er Gott nicht los, kämpft er tapfer gegen jede Versuchung zu Resignation und Mutlosigkeit. (2 Kor 4, 7-18) Ja, er rühmt sich sogar seiner vielfältigen Bedrängnis: “Denn Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt uns nicht zugrunde gehen, weil Gottes Liebe in unsere Herzen ausgegossen ist…“ (Röm 5, 3) Liebe drängt zur Tat!

3. Sie erwarten heute von mir zu Recht ein persönliches Abschiedswort, in dem sich wie in einem Brennglas meine eigenen Erfahrungen über Jahr und Tag als Pfarrer in unseren Gemeinden bündeln, und das gleichsam als ein geistliches Vermächtnis gelten kann.

  • Da fällt mir in der Tat kein besseres Schlüsselwort ein als das Wort GEDULD – lateinisch „patientia“: Patientia kann passives Erdulden, Aushalten und Ertragen von Krisen und Schwierigkeiten bedeuten, aber ebenso, ja mehr noch aktives Standhalten und Widerstehen in den Bewährungsproben unseres Lebens.  Der Geduldige ist alles andere als ein Schwächling oder  „Weichei“, der widerstandslos einfach alles über sich ergehen lässt; eher schon ist er einem kampferprobten Patienten ähnlich, der sich dem Unverfügbaren ruhig, mutig, tapfer in der tiefgläubigen Gewissheit stellt: Ich bin jetzt nicht allein und nicht von allen guten Geistern verlassen; wir sind in allem, was uns widerfährt, in Gottes guter Hand und dort am besten aufgehoben – gerade auch da, wo sich Gott uns noch verbirgt und er sich uns nicht zeigt und wo andere schon hämisch mit den Fingern auf uns deuten: „Wo ist denn nun dein Gott?!“ (Ps 42, 3)
  • Papst Benedikt XVI. hat bei seiner Antrittspredigt vor 10 Jahren von „Gottes patientia“, von der Geduld Gottes gesprochen, ein Gedanke, der mich seitdem zunehmend beschäftigt hat: „Wie oft wünschten wir, dass Gott sich stärker zeigen würde, dass er dreinschlagen würde… Ja, wir leiden unter der Geduld Gottes… Die Welt aber wird durch die Geduld Gottes erlöst und durch die Ungeduld der Menschen verwüstet.“ – Die Seesturm-Geschichte spiegelt gewissermaßen auch meine eigene Kirchenerfahrung und Glaubens-Geschichte: In meiner Wohnung hängt seit Jahrzehnten die Reproduktion eines Bildes, das den Apostel Petrus zeigt, wie er auf dem Wasser dem Auferstandenen entgegeneilt (von Luis Borassa, Barcelona, 1411 / vgl. Mt 14, 22-33). Solange er nur zu Jesus aufschaut und sich ihm anvertraut, trägt und hält ihn das bodenlose Wasser, sobald er aber dem Zweifel und der Angst Raum gibt in seinem Herzen, versinkt er in den Fluten unter ihm – ganz ähnlich heute hier im Sonntagsevangelium, wo Jesus auch uns selber fragt: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?
  • Mein Weihe-Bischof Joseph Kardinal Höffner ist und bleibt mir ein Vorbild gläubiger Geduld: An unserem Weihetag rief er uns 10 Neupriestern zu: „Nur Mut!“ – und gab dann jedem von uns eine Anstecknadel in Kreuzesform mit seinem Lebensmotto: Standhalten – aufstehen – sein ganzes Herz hineingeben! Von der großen Hl. Teresa v.A., der spanischen Ordensfrau und Kirchenlehrerin der Reformationszeit, deren 500. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, stammt ein Gebet, das sich bei ihrem Tod eingenäht in ihrem Habit fand und das sie immer bei sich trug:

„Nichts soll dich ängstigen,
nichts dich erschrecken –
alles vergeht.
Gott allein bleibt derselbe;
Alles erreicht der Geduldige.
Wer Gott hat, der hat alles.
Gott allein genügt!“

  • Dass ich solch treuen und geduldigen Glauben hier mitten unter uns immer wieder neu entdecken und dann auch selber einüben konnte – unter Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, mit Kindern und Erwachsenen, unter Eltern und Erziehern, mit Gesunden und Kranken, unter Leuten, die mitten im aktiven Berufsleben stehen, und mit anderen, die schon ans Sterben denken, dafür bin ich von Herzen dankbar. Und wenn ich selbst hier und da noch etwas von solch gläubiger Geduld anderen vermitteln durfte, macht es mich froh und dankbar; denn dann hat sich mein Dienst und Auftrag als Seelsorger in unseren Gemeinden erfüllt. Es kommt ja in unserem Dienst durchaus nicht auf uns selber an, sondern nur darauf, dass wir ähnlich dem Täufer Johannes, dessen Fest wir jetzt in der Jahresmitte wieder feiern, einzig auf Jesus Christus schauen und auf ihn zeigen: „Er muss wachsen, ich aber muss zurücktreten!“ (Jo 3, 30)
  • Am kommenden 16. August wird hier an meiner Stelle unser neuernannter Pfarrer Oliver Dregger feierlich in sein neues Amt eingeführt. Es ist ein wunderbares Omen, dass sich just an diesem Tag der 200. Geburtstag des „Vaters und Lehrers der Jugend“ (Johannes Paul II.), des Hl. Don Bosco (1815-1888), jährt. Dessen Lebensmotto ist jetzt mein Glück- und Segenswunsch an meinen Nachfolger und an Sie alle miteinander in der Pfarreien-Gemeinschaft: „Fröhlich sein, Gutes tun – und die Spatzen pfeifen lassen!“ Dann ist mir hier nicht angst und bange um unser Kirchenschiff, das sich Gemeinde nennt.

In meinem Dankeswort an alle lesen Sie zum guten Schluss, was ich hier gern jetzt allen sage: „Deo gratias!“ – „Gott sei Dank und Gottes Segen für Sie alle!“