Predigt zur Feier des Patronatsfestes St. Suitbertus, Bischof Dr. Josef Clemens

Geht – zu allen Völkern – mit Tat und Wort!

(Mt 28, 16-20)

Lieber Pfarrer Oliver Dregger,
lieber Herr Kaplan,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Viele von Ihnen haben noch die Bilder des Krakauer Weltjugendtages im Sinn, der vor fünf Wochen (31. Juli) zu Ende ging. Fast eine Woche lang haben Tausende junger Menschen darüber meditiert und sich ausgetauscht, was für Sie die Kernbotschaft Jesu „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden!“ (Mt 5,7) bedeutet. Und drei Jahre sind es her (22. – 28. Juli 2013), dass im fernen Rio de Janeiro in Brasilien ein Auftrag Jesu im Mittelpunkt des dortigen Weltjugendtages stand, d.h. sein Mandat „Geht und macht zu Jüngern alle Völker!“ (Mt 28,19). Beide Leitworte führen ins Zentrum des christlichen Glaubens und Lebens.

Die Krakauer Bitte um Barmherzigkeit betrifft vor allem den „inneren Menschen“, seine grundsätzliche Einstellung und sein persönliches Verhalten dem anderen gegenüber. Der Auftrag Rios hingegen setzt in Bewegung, er motiviert und will zu einem sichtbaren Glaubensengagement „nach außen“ antreiben. Und dieser Auftrag Jesu steht am heutigen Fest des Hl. Suitbertus in der Mitte unseres Evangeliums: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (vgl. Mt 28,19).[1]

Alle Texte der heutigen Festmesse – die beiden Lesungen aus der Hl. Schrift (Jes 52,7-10), der Antwortpsalm (Ps 96), der Ruf vor dem Evangelium (Mt 28,19 a. 20 b) und die drei liturgischen Gebete – sind durchdrungen von dieser Perspektive des Glaubenszeugnisses und der Glaubensweitergabe. Damit stellt uns die Kirche den heiligen Bischof Suitbertus (ca. 637-713) als ein bleibend gültiges Beispiel eines gläubigen Menschen vor, der den Auftrag Jesu – fast siebenhundert Jahre später – gehört und ihn konkret in die Tat umgesetzt hat, der ihm ganz und gar zu entsprechen suchte.[2]

Aber was bedeutet dies für uns, hier und heute, was bedeutet dies für Sie und für mich? Natürlich ist es richtig, herausragenden Menschen der Glaubensgeschichte zu gedenken, sie nicht zu vergessen, vor allem wenn sie Bleibendes und für uns Gültiges geleistet haben. Aber es bleibt die Frage bestehen: Was sagt mir das Glaubens- und Lebenszeugnis eines Menschen, der vor mehr als 1300 Jahren unter ganz anderen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen geglaubt, gelebt und gewirkt hat? Was sagt es mir, hier und heute, in meiner Zeit und in meiner persönlichen Situation? Dies sind die Fragen, denen wir uns heute stellen sollten!

Bei der Suche nach einer grundlegenden Antwort habe ich mich sowohl von Papst Benedikt XVI. als auch von Papst Franziskus inspirieren lassen, die uns in großer Einmütigkeit und kristalliner Klarheit wichtige und bleibende Anstöße gegeben haben.[3]

 

  1. Geht!

Der erste Teil des Auftrags Jesu besteht darin, dass er uns auffordert, uns in Bewegung zu setzten, uns aufzumachen, um seine Botschaft zu verkünden. „Geht …!“ – „Bewegt euch …!“ – „Macht euch auf …!“

Dieses In-Bewegung-Setzen, das sehr unterschiedliche Formen annehmen kann, hat jedoch eine „existentielle“ Voraussetzung, auf die Papst Benedikt XVI. sehr treffend hingewiesen hat. „Evangelisieren bedeutet, anderen die Frohbotschaft vom Heil zu bringen, und diese Frohbotschaft ist eine Person: Jesus Christus […] Die Evangelisierung geht immer von der Begegnung mit Jesus, dem Herrn, aus: Wer sich ihm genähert und seine Liebe erfahren hat, will sofort diese Begegnung und die Freude, die aus dieser Freundschaft entsteht, mit anderen teilen.“[4]

Und genau dies hat der Hl. Suitbertus getan: Er ist im Jahre 690 – im Alter von etwa fünfzig Jahren (!) – mit Willibrord (†739) von England aus zum Kontinent aufgebrochen, um dort den Glauben zu verkündigen. Nach seiner persönlichen Christuserfahrung war ihm klar, dass er diese frohe und erfüllende Begegnung nicht für sich behalten konnte und durfte, sondern sie mit anderen teilen musste.[5]

[Mir kommen hier drei Bilder aus dem Matthäusevangelium in den Sinn. Etwa das Gleichnis von dem gefundenen Schatz oder der gefundenen Perle (vgl. Mt 13, 44-46), die gerade dies zum Ausdruck bringen. Und es folgt ein weiterer Schritt, d. h. diese Männer und Frauen konnten ihre Freude nicht bei sich behalten, sie mussten sie weitergeben, wie es die Frau nach dem Wiederfinden der verlorenen Drachme getan hat (vgl. Lk 18,8-10). Es ist eine ganz erfüllende Freude der Begegnung und des Gefunden-Habens, die nach außen, die zur Mitteilung und zur Weitergabe drängt.]

 

  1. Zu allen Völkern!

Nach Jesu eigenen Worten ist sein Verkündigungsauftrag grenzenlos und die Zeiten überschreitend, das heißt er gilt universal, alle Menschen aller Zeiten sollen von seiner Botschaft erfahren. Jesus überwindet die selbstgezogenen Grenzen des jüdischen Volkes, wie es bei der Geistausgießung am Pfingstfest vor aller Augen und Ohren sichtbar wurde (vgl. Apg 2,1-12). Die unterschiedlichsten Völker haben die Frohe Botschaft in ihrer Sprache hören und verstehen können!

So hat sich auch Suitbertus in ihm fremde Teile des europäischen Kontinents begeben (Friesland), wo die Botschaft Christi noch nicht bekannt war. Er hat auch nach schweren Rückschlägen (Gefangennahme) nicht aufgegeben, sondern er hat weiter allen die Frohe Botschaft verkündet, die er mit seinen Mitteln erreichen konnte (so die Brukterer im südlichen Westfalen).

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten bedeutete Mission fast ausschließlich ein Hinausgehen in die weite Welt, zu fernen Kontinenten und Völkern. Sowohl Papst Benedikt XVI. als auch Papst Franziskus haben uns jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass auch die in unserer Nähe lebenden „existentiell“ oder „kulturell“ Fernen erreicht werden müssen, auch sie sind „Missionsgebiet“.[6]

Und hier sind wir alle betroffen: Wir alle sind durch die Sakramente der Taufe und Firmung für die Glaubensweitergabe gerüstet, wir alle sind Missionare, wir alle sind Katecheten! Und Benedikt XVI. gibt einige praktische Hinweise und weist auf aktuelle Missionsfelder hin: „Allen wollen wir die Türe unseres Herzens öffnen und versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, in Einfachheit und Achtung […].“[7] Und er fährt fort: „Die «Völker» […] sind die verschiedenen Lebensbereiche: die Familien, die Stadtviertel, der Studien- und Arbeitsplatz, der Freundeskreis und die Freizeiteinrichtungen. Die freudige Verkündigung des Evangeliums gilt allen Bereichen unseres Lebens ohne Ausnahme.“[8]

Der immer weder beklagte Traditionsbruch in Glaubensweitergabe hat hier seinen Ort. Der Glaube wurde aus übertriebener Rücksicht oder aus Angst vor dem Vorwurf der Bevormundung nicht mehr weitergegeben, sondern für sich behalten, er wurde in die Privatsphäre abgedrängt. Die Folgen sind unübersehbar: Das Glaubenswissen hat sich außerordentlich verdünnt, die Glaubenspraxis geht immer weiter zurück.

 

  1. Mit Tat und Wort!

Beide Päpste, sowohl Papst Franziskus als auch Papst Benedikt XVI., haben jedoch erkannt, dass unter den spezifischen Bedingungen unserer Zeit, vielleicht war dies in früheren Zeiten grundsätzlich auch der Fall, reine Worte nicht (mehr) genügen, sondern ein persönliches Zeugnis unverzichtbar ist.[9]

 Und eben dies wird über den Hl. Suitbertus berichtet: „In allem, was er lehrte, gab er seinen Zuhörern schon vorher ein Beispiel durch sich selbst.“[10] Sein Lebensbeispiel ging seinen Worten voraus! Und dieses Beispiel schloss seinen Beitrag zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der zu Evangelisierenden mit ein.[11]

Es kam die allgemeine Regel des jüngeren Seneca (4-65 n. Chr.) zur Anwendung, die heute eher verstärkt gilt: „Verba docent, exempla trahunt.“ – „Worte belehren, Beispiele ziehen an!“[12] Das vorausgehende Beispiel erregt unweigerlich Aufmerksamkeit, es macht nachdenklich, es öffnet das Herz und die Ohren für die ihm folgende Worte.

Papst Franziskus zitiert gerne ein überliefertes Wort seines Namenspatrons, des Hl. Franz von Assisi (1182-1226), der seinen Anhängern empfahl: „Verkündigt das Evangelium, und wenn es nötig sein sollte, dann auch mit Worten.“[13] Hier ist eine klare Sequenz beschrieben, die ihre Gültigkeit nicht eingebüßt hat, ganz im Gegenteil: Die vorausgehende (helfende) Tat und das ihr folgende Wort!

[Und diese Abfolge hat bereits in frühchristlicher Zeit ihre Wirkung nicht verfehlt. Viele Zeitgenossen der ersten Christen wurden durch ihr Leben wachgerüttelt und fragten sie: „Warum tust du das?“ Und vielfach fragten sie eher noch: „Warum tust du nicht das, was wir alle tun?“]

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich möchte ganz offen sagen, dass wir in der Kirche nicht unter einem Theoriemangel, sondern unter einem Praxismangel leiden. Und dies gilt für alle Glieder der Kirche, auf allen Ebenen. Natürlich ist es wichtig zu verwalten und gegebenenfalls auch hilfreich zu repräsentieren, aber noch wichtiger ist es, mit der Tat und dem Wort zu verkündigen. Papst Franziskus hat dies erkannt und versucht, mit all seinen Kräften und Möglichkeiten die christliche Lebenspraxis allen anderen Pflichten und Traditionen voranzustellen.

Verzeihen Sie mir bitte, wenn ich ganz offen sage, dass mir bei vielen kirchlichen Zusammenkünften immer wieder die Worte in den Sinn kommen, die der Direktor in Goethes Faust (im Vorspiel auf dem Theater) spricht: „Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehn! Indes ihr Komplimente drechselt, Kann etwas Nützliches geschehn.“[14]

Damit denke ich an keinen blinden Aktivismus, sondern an eine Rückbesinnung auf ein schlechthin bewährtes Modell zur Glaubensweitergabe. Durch die Feier vieler Heiligenfeste erinnert uns die Liturgie der Kirche an diesen Perspektivenwechsel, der notwendigen Abfolge von Tat und Wort! Der Hl. Suitbertus ist ein Beispiel für diesen Ansatz und deshalb betrachteten ihn seine Zeitgenossen als einen „besonders hervorragenden Menschen“.[15]

Erlauben Sie mir, dass ich die heutige abendliche Prozession mit den Gebeinen des Hl. Suitbertus als ein Nachgehen seines Weges deute. Viele von Ihnen begleiten diesen Glaubenszeugen und bringen damit zum Ausdruck, dass Sie seinem Stern folgen wollen.[16] Er ist uns mit dem Beispiel seines Lebens und seiner Verkündigung vorausgegangen, er hat Wege gerodet und geebnet, die wir weitergehen können und müssen, falls wir den von uns gefundenen Schatz nicht für uns allein behalten wollen, sondern  ihn in der Freude des Glaubens mit möglichst anderen vielen teilen wollen.

Amen.

 

Bischof Dr. Josef Clemens,
Vatikanstadt

 

Hier finden Sie eine PDF der Predigt.

 

 

[1] Vgl. Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium 14,1-28,20, in: HThK NT I/2, 501-512; Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 26-28), in: EKK I/4, 427-459; Peter Fiedler, Das Matthäusevangelium, in: ThK NT 1, 428-433; Hubert Frankemölle, Matthäus. Kommentar 2, Verlag Patmos, Düsseldorf 1997, 537-560.

[2] Vgl. Goswin Spreckelmeyer, Art. Suitbert (Suidbrecht, Swidbert), in: LTHK III, Bd. 9, 1105; Theodor Schieffer, Art. Suitbert (Suidbrecht, Swidbert), in: LTHK II, Bd. 9, 1159; Presseamt des Erzbistums Köln, Hrsg., St. Suitbertus Apostel unserer Heimat – Wegbereiter Europas. Dokumentation der 1300-Jahrfeier in Kaiserswert, in: Drei-Kronen-Reihe 21, Köln 1999.

[3] Vgl. Benedikt XVI., Botschaft zum XXVIII. Weltjugendtag 2013 in Rio de Janeiro, 18. Okt. 2012, in: O. R., dt., Nr. 48, 30. Nov. 2012, 42 (2012), 12 f.; Franziskus, Predigt zur Abschlussmesse des XXVIII. Weltjugendtages in Rio de Janeiro, Copacabana, 28. Juli 2013, in: O. R., dt., Nr. 32/33, 9. Aug. 2013, 43 (2013), 7.

[4] Benedikt XVI. Botschaft WJT 2013, 12.; vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute, 24. November 2013, Vatikanische Verlagsbuchhandlung, Vatikanstadt 2013, (= EG), EG Nr. 264-267.

[5] Vgl. Karl Heck, Geschichte von Kaiserswerth, in: Christa-Maria Zimmermann/Hans Stöcker, Kayserswerth – 1300 Jahre Heilige, Kaiser, Reformer, Verlag Triltsch, Düsseldorf ²1981.

[6] Benedikt XVI. Botschaft WJT 2013, 13; vgl. EG 15, 2, 9; EG 24: „Die Kirche „im Aufbruch“ ist die Gemeinschaft der missionarischen Jünger, die die Initiative ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern. „Primerear“ – die Initiative ergreifen“: Entschuldigt diesen Neologismus! Die evangelisierende Gemeinde spürt, dass der Herr die Initiative ergriffen hat, ihr in der Liebe zuvorgekommen ist (vgl. 1 Joh 4,10), und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen.“; EG 113: „Zu denen, die sich fern von Gott und von der Kirche fühlen, würde ich gerne sagen: Der Herr ruft auch dich, Teil seines Volkes zu sein, und er tut es mit großem Respekt und großer Liebe!“

[7] Benedikt XVI. Botschaft WJT 2013, 12.

[8] Ebd.

[9] Vgl. ebd.; vgl. EG 233.

[10] Vgl. Volkhard Stormberg, Ein Stern geht auf: St. Swidbert, in: www.suitbertus.de/Schule/Geschichte/Suitbertus/ suitbertus-Titel; Beda der Ehrwürdige, Kirchengeschichte des englischen Volkes, hrsg. von Günter Spitzbart, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982, 460-463.

[11] Vgl. Stormberg, Ein Stern geht auf in: www.suitbertus.de/Schule/Geschichte/Suitbertus/ suitbertus-Titel

[12] Cfr. Lucius Annaeus Seneca, Epistulae ad Lucilium, 6,5: “Longum iter est per praecepta, breve et efficax per exem-pla.”

[13] Franziskus, Predigt in der Basilika St. Paul vor den Mauern, 14. April 2013, in: O. R., dt., Nr. 17, 26. April 2013, 43 (2003) 7.

[14] Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Eine Tragödie, Vorspiel auf dem Theater, in: Goethe. Berliner Ausgabe 8, Poetische Werke, Dramatische Dichtungen IV, Aufbau-Verlag. 1990, 154.

[15] Vgl. Katholische Kirchengemeinde St. Suitbertus u. a. (Hrsg.), Leben, Wunder, und Tugenden des h. Swiberti, Patronen der Collegiat-Kirchen zu Kayserswerth, Bischofs und Apostels von Holland, Friesland, Sachsen, Westphalen, und anderer benachbarten Landen, welche er zum Christenthum gebracht beschrieben von dem h. Marcellino seinem Mitgefährten, und Gesellen; und h. Ludgero ersten Bischof zu Münster in Westphalen aufs neu aufgelegt im tausentfunfzigsten Jahr nach ableben dieses heiligen Apostels; Düsseldorf – Kaiserswerth 1998.

[16] Vgl. Stormberg, Ein Stern geht auf, in: www.suitbertus.de/Schule/Geschichte/Suitbertus/suitbertus-Titel